Und plötzlich war Licht da
Ein persönlicher Netzwurf über Verlust, Vertrauen und einen neuen Anfang.
Es war ein später Sommerabend im Jahr 2019. Ein harter Arbeitstag lag hinter mir. Einer dieser Tage, an denen man sich nur noch nach Ruhe sehnt. Ich schlief früh auf der Couch ein.
Als ich eine Stunde später aufwachte, war etwas anders. Verwirrung. Meine Hand – taub. Der Griff zur Zigarette – misslingt. Der Körper gehorcht nicht. Ich zögere. Lange. Fahre schließlich spät, allein, in die Notaufnahme. Ein Arzt sieht mich an. Sagt, mein Handgelenk sei überreizt. Voltaren-Verband. Ich fahre wieder heim. Mit dem eigenen Auto. Mit taubem Arm. In mir: eine Mischung aus Unruhe, Angst und einem Gefühl, das keinen Namen hatte.
Am nächsten Morgen sitze ich um sechs Uhr vor der Praxis eines Neurologen. Ich habe keinen Termin. Aber ich muss reden. Gehört werden. Eine Arzthelferin kommt. Ich erzähle meine Geschichte. Sie schüttelt den Kopf. Keine Termine. Dann: eine Stimme hinter mir. Ruhig. „Kommen Sie mit. Sofort.“
Es ist der Arzt. Er hat zugehört. Und gehandelt. Verdacht bestätigt: Schlaganfall. Ab in die Stroke Unit. Und plötzlich: bin ich nicht mehr allein.
Ein älterer Herr im Bett neben mir. Wir reden über alles. Angst. Familie. Was war und vielleicht noch kommt. Er hört zu. Baut mich auf. Ein Fremder. In einem Moment, der Halt braucht.
Nach acht Tagen gehe ich in Reha. Dort treffe ich sie. Eine Frau, die eigentlich gar nicht dort sein sollte. Wir werfen uns in einer Therapieübung einen Ball zu und plötzlich ist da kein Ball mehr. Nur ein Blick. Ein Lächeln. Ein Funke.
Von diesem Tag an verbringen wir fast jede Minute miteinander. Ziehen zusammen. Fangen neu an. Unsere Geschichte beginnt dort, wo meine fast geendet wäre.
2022
Drei Jahre später. Unser Sohn kommt zur Welt. Ich bin Anfang 50. Sie 43. Nicht geplant. Aber genau richtig. Wir leben im Homeoffice. Arbeiten. Lachen. Halten uns fest.
Und dann war da noch Santiago.
Der portugiesische Jakobsweg. Caminho. Variante Espiritual. Am Tag vor dem Aufbruch erfahren wir, dass wir Eltern werden. Wir gehen trotzdem. Mit Fragen. Kommen an mit einer Antwort.
Ich stehe in der Kathedrale. Zweifelnd. Skeptisch. Ein Marketing-Gag, denke ich. Der heilige Jakobus? Wirklich? Dann, vor dem silbernen Sarkophag, sehe ich ein Bild. Jesus. Mitten unter Menschen. Er schaut mich an.
Und sagt nur einen Satz: "Vertrau mir. Du bist nicht allein. Ich bin bei dir."
Seitdem suche ich nicht mehr nach Beweisen. Ich suche nach Momenten, in denen das Leben spricht. In der Stille. Im Lächeln meines Sohnes. Im Gespräch mit einem Fremden, der zum Freund wird. Im Vertrauen, das wächst. Selbst dort, wo man es nicht erwartet.
Vielleicht liest du das gerade und erkennst etwas in dir selbst wieder. Dann möchte ich dir sagen:
Du musst kein Held sein. Du musst nicht alles schaffen. Aber du darfst hoffen. Du darfst neu anfangen. Du darfst glauben. Auf deine Weise.
Und wenn du denkst, du bist allein: Du bist es nicht.
Ein Netzwurf von Olaf Kozany. Aus der Tiefe. Für die, die gerade suchen.
Die Szene entstand Mitte 2021 auf dem Abschnitt der Variante Espiritual.
Das Licht symbolisiert Hoffnung, Aufbruch und inneren Wandel – passend zum Netzwurf „Und plötzlich war Licht da“.
Foto: Olaf Kozany · ATHECHRIST